Kempo-Judo: Kampfkunst und Selbstverteidigung

Budo-Weisheiten:

(von Gerold Bauer)

 

 

"Das Ausmaß des Respekts zeigt sich nicht in der Tiefe der Verbeugung"

"Der Edle verneigt sich, aber er beugt sich nicht" (April 2012)

Diese beiden Aphorismen sollten für uns Budo-Sportler eine Leitlinie im Leben sein. Als aufrechter, mutiger Mensch sollten wir anderen Menschen gegenüber zwar Respekt und Höflichkeit erweisen - aber wir sollten nicht den Rücken krümmen wie ein ängstlicher Diener, der um Gnade wimmert. Zwischen der höflichen Verneigung und dem unterwürfigen Gehabe ist klar zu trennen. Dies gilt natürlich auch für den Umgang miteinander auf der Matte. Ein kurzer, ehrlich gemeinter Gruß durch ein Kopfnicken ist letztlich besser als eine ritualisierte "Verbeugungsorgie".  Auch beim An- oder Abgrüßen im Training ist es nicht sinnvoll, wenn Budosportler dabei "die Matte küssen". Wenn die Grußzeremonie übertrieben wird, wirkt dies nicht zuletzt  für Zuschauer, die nicht aus dem Budosport kommen, eher lächerlich.

Das erstgenannte Zitat betrifft auch das Verhältnis zwischen Schüler und Lehrer. Ein Lehrer hat nicht das Recht, seine Schüler wie Sklaven zu erniedrigen und überzogene Respektsbezeigungen zu verlangen. Ein anständiger Umgang, wie er unter freien Menschen üblich ist, sollte das zwischenmenschliche Klima im Dojo und im Alltag prägen. Darüber hinaus ist immer Vorsicht geboten, wenn jemand sich zu tief verbeugt, sprich ein extrem unterwürfiges Gehabe an den Tag legt. So etwas kann schnell in eine "Kriecherei" ausarten. Und Mancher will dadurch auch nur verschleiern, dass er es nicht ehrlich meint.

 

"Hilf denen, die sich nicht selbst helfen können" (März  2012)

Dieses Zitat von Konfuzius sollte allen Budosportlern wie ein kategorischer Imperativ als roter Faden dienen.  Im Training bedeutet dies, dass die Fortgeschrittenen oder die Meister nicht selbstherrlich über die Matte stolzieren und sich verehren lassen sollen. Eine höhere Graduierung zu tragen, ist ohne Zweifel eine gewisse Ehre, aber mehr noch ist es eine Verpflichtung. Deshalb ist es die Aufgabe der höher Graduierten, denen zu helfen, die relativ neu im Dojo sind. Wir waren alle mal Anfänger und sind an unserem ersten Training in eine neue, in eine fremde Welt eingetreten. Nicht jeder hat das Selbstbewusstsein, sofort auf andere zugehen und Fragen zu stellen. Mancher steht schüchtern am Rand, ist deshalb aber nicht weniger interessiert und möchte gerne ein akzeptierter Teil der Gruppe sein. "Komm, wir üben zusammen", ist eine schöne Geste gegenüber einem Neuling, der noch keinen Freund in der Gruppe hat, mit dem er regelmäßig trainiert. Statt immer nur mit dem gewohnten Partner zu trainieren, sollten die Fortgeschrittenen - im übertragenen Sinne - einen Neuen an der Hand nehmen und ihm so den Einstieg erleichtern. Es ist völlig normal, dass ein Anfänger sich schämt, weil er sich mit den Techniken noch schwer tut, und deshalb keinem der Erfahrenen zur Last fallen möchte.  Diese Pflicht, integrativ zu wirken,  gilt nicht nur fürs Training, sondern auch für Seminare, bei denen man gezielt auf jemanden zugehen sollte, dem man schon von weitem ansieht, dass er sich etwas verloren vorkommt.

Und außerhalb des Dojos, im ganz normalen Alltag, gelten diese Worte erst recht.  Wer längere Zeit intensiv eine Kampfkunst betreibt und dabei seine eigene Stärke kennen lernt, strahlt diese Sicherheit normalerweise auch aus. Er (und natürlich auch sie)  wird in der Schule, am Arbeitsplatz oder bei Freizeitaktivitäten von den anderen in der Regel sehr gut akzeptiert, steht vielleicht im Mittelpunkt  und wird oft sogar  bewundert. Gerade diese nicht nur körperliche, sondern auch geistige Stärke gibt uns Kampfkünstlern und Budosportlern die Chance, gezielt gegen Mobbing  oder Diskriminierung vorzugehen. Jemanden, der von den anderen gehänselt oder ausgegrenzt wird (weil er zum Beispiel anders angezogen ist,  oder einen Migrationshintergrund oder eine Behinderung hat) zum Mitspielen auf dem Schulhof einzuladen, sich am Arbeitsplatz mal mit ihm unterhalten, sind ganz einfache Schritte. Und doch können sie so viel bewirken.

Dass wir als Kampfkünstler/-sportler nach Möglichkeit Zivilcourage zeigen und eingreifen, wenn jemand Gewalt angetan wird, sollte eine Selbstverständlichkeit sein.  Die kann auch mit beschwichtigenden Worten sein - man muss nicht immer gleich handgreiflich werden, um einen Streit zu beenden.  Und die selbstsichere Aussage "Probier's doch mal bei einem, der sich wehren kann!" hat schon manchen Schulhof-Raufbold davon abgehalten, sich weiter an einem Kleinen oder Schwachen zu vergreifen.

Was Konfuzius vor so langer Zeit geschrieben hat, ist übrigens kein Privileg der Asiaten. Auch die christliche Religion erwartet ein solches Verhalten von ihren Gläubigen. Man nennt dies in der kirchlichen Sozialethik "Subsidiaritätsprinzip". Man denke nur an das Bibelwort  "Einer trage des anderen Last!"

 

"Der Weg zum Erfolg kennt keine Abkürzung!" (Februar 2012)

Diesen Aphorismus liest man immer wieder - und geht meistens darüber hinweg, ohne sich Gedanken zu machen, was damit gemeint ist. Doch gerade in den Kampfkünsten sieht man immer wieder, dass Sportler den schnellen Wettkampferfolg suchen oder in möglichst kurzer Zeit eine möglichst hohe Graduierung anstreben. Natürlich ist es verständlich, dass ein Anfänger es kaum erwarten kann, bis er endlich den weißen Gürtel ablegen und sich als Gelbgurt zu den Fortgeschrittenen rechnen darf. Und ebenso nachvollziehbar ist der Wunsch, mit dem schwarzen Gürtel das Erkennungszeichen für einen Meistergrad zu tragen.

Bei alledem darf aber nicht vergessen werden, dass nicht die Farbe des Gürtels das Können bestimmt. Sprich jemand ist nicht deshalb ein guter Kampfsportler, weil er einen blauen, brauen, schwarzen oder gar rot-weißen Gürtel trägt. Vielmehr wird umgekehrt ein Schuh d'raus: Zuerst kommt das Können - und die Gürtelfarbe trägt dem dann Rechnung. Ohne die entsprechenden Fähigkeiten ist eine Graduierung nämlich nichts wert!  Auf die Frage, wie man am schnellsten zum schwarzen Gürtel kommt, antworte ich seit vielen Jahren immer gleich: Man geht in ein Sportgeschäft und kauft ihn sich. Was man dort aber nicht kaufen kann: die Erfahrung und der Schweiß in vielen Trainingsstunden. Doch erst dadurch  bekommt der Gürtel seinen Wert. In diesem Sinne: Viel Freude beim fleißigen Üben!